SCHNEEWITTCHEN UND DIE RÄUBER EINE REISE DURCH DEN ROMANTISCHEN SPESSART

 

 

Dies ist eine alte Landschaft. Die gibt es gar nicht mehr; hier ist die Zeit stehengeblieben. Wenn Landschaft Musik macht: dies ist ein deutsches Streichquartett. So schrieb 1927 der Satiriker und Gesellschaftskritiker Kurt Tucholsky, als er mit Freunden während einer Wanderung durch den Spessart im winzigen Weiler Lichtenau einkehrte. Das unberührte Tal des Waldbachs Hafenlohr versetzte die weinseligen Kumpane, wie wir dem Reisetagebuch Das Wirtshaus im Spessart entnehmen, zumindest für einige Stunden in eine besinnliche Stimmung: Um uns herum rauscht der abendliche Parkwald. Wir sitzen zu dritt auf einer Stange und bereden ernste Sachen.

Wer heute diese Stelle nördlich der Autobahn Frankfurt-Würzburg besucht, wird gleich an dem Gasthaus, in dem die Freunde fröhlich zechten, einer Schrifttafel mit den Plänen der bayerischen Landesregierung konfrontiert: Sie will den mittleren Abschnitt des naturbelassenen Tals in einen Trinkwasserspeicher verwandeln.

Die vom Aussterben bedrohten Pflanzen in den saftig grünen Wiesen würden von einem sieben Kilometer langen See überspült und seltene Vögel ihrer Zuflucht an der zum Main fließenden Hafenlohr beraubt. Die umliegenden Gemeinden und eine Bürgerinitiative wehren sich heftig dagegen, dennoch hält Bayerns Innenminister Edmund Stoiber an diesem Stauseeprojekt fest, weil die Wasserversorgung Unterfrankens gesichert werden müsse. Erst die Menschen, dann der Naturschutz!


Kurt Tucholskys Wirtshaus im Spessart, ein ehemaliges Kloster, steht immer noch abseits des Verkehrsgetriebes. Das vom Märchenerzähler Wilhelm Hauff 1826 literarisch verewigte Wirtshaus im Spessart wenige Kilometer südlich bei Rohrbrunn lag dagegen am Knotenpunkt mehrerer Straßen und musste schon zum Zwecke verbesserter Wasser- und Benzinversorgung weichen, als die Autobahn gebaut wurde. An seiner Stelle steht eine Raststätte. Wo einst die Passagiere der Postkutschen einander finstere Geschichten über die Spessart-Räuber erzählten, parken jetzt die Blechkutschen.

Sehr zum Leidwesen der Fremdenverkehrswerbung, die dieser Stätte verklärender Räuber-Romantik nachzutrauern scheint. Andererseits gibt sich das Spessartmuseum in Lohr am Main viel Mühe, um zu erklären, was es mit dem aus bitterer Armut erwachsenen Räubertum in den dichten Wäldern wirklich auf sich hatte. Zu mordenden und plündernden Banden schlossen sich vor allem die auf kleinen gerodeten Flächen angesiedelten Bauern und Jagdgehilfen zusammen, die (bis ins vergangene Jahrhundert hinein) unter den dürftigsten Verhältnissen darben mussten, während Kaiser, Kurfürsten und Kaufleute Geld und Gut auf den Handelsstraßen griffbereit an ihren Nasen vorbeitrugen.

Ein soziales Notstandsgebiet mitten in diesem Waldreichtum? Die Kurmainzer Erzbischöfe, die hier bis 1803 das Sagen hatten, verboten jede wirtschaftliche Nutzung des Holzes, um ihrem Jagdvergnügen nachgehen zu können. Es ging ihnen zwar nur darum, das Wild für ihre Massentötungen zu schonen, aber letzlich verdanken die Spessart-Bewohner und die Feriengäste diesem menschenverachtenden Naturschutz ein wertvolles Erbe: eines der größten Laubwaldgebiete Deutschlands. Am besten lässt es sich vom zügigen Ludwig-Keller-Turm auf der kahlen Geißhöhe (520 m) aus überblicken: Das grüne Meer der Wipfel erstreckt sich im Norden vom Taunus bis zur Rhön und bis zum südwestlichen Odenwald.

Im Schatten jahrhundertalter Eichen und Buchen wird wohl mancher Wanderer auch und gerade im Hafenlohrtal darüber nachdenken, was im Verhältnis Mensch-Natur nicht stimmt und warum es ohne Opfer auf der einen oder anderen Seite nicht abzugehen scheint.

Doch nicht nur die soziale und wirtschaftliche Dauerkrise ist ein Hauptthema des Spessartmuseums im Lohrer Schloss; es dokumentiert auch in langen Vitrinenreihen die Kunstfertigkeit der heimischen Töpfer und Glasmacher. Die Kostbarkeiten der Lohrer Spiegelmanufaktur hingen und hängen noch in vielen europäischen Residenzen, unter anderem auch in Wiens Kaiserhof.

Zur Sammlung des Lohrer Museums gehört ein Prunkstück, das gerne als das Spieglein, Spieglein an der Wand aus Grimms Märchen Schneewittchen ausgegeben wird. Als jenes Zauberrequisit, das der bösen Stiefmutter auf die Frage nach der Schönsten im ganzen Land uncharmante Antworten gegeben haben soll. Sie glaubte dem sprechenden Spiegel und sann auf Mord an Schneewittchen.

In der Spessartstadt glaubt man sogar, dass Schneewittchen, die Stiefmutter und die sieben Zwerge hinter den sieben Bergen tatsächlich gelebt haben: Scheewittchen soll als Maria Sophia Margaretha Catharina, Freifräulein von Erthal im Lohrer Schloss aufgewachsen und über sieben dem Namen nach bekannte, rund 500 Meter hohe Berge ins Biebertal gelaufen sein.

Es passt so schön, dass dort die Kinder in den niedrigen Stollen der Erzbergwerke arbeiteten damit wäre die Erklärung für die Zwerge gefunden. Der gläserne Sarg könnte ein Meisterstück aus den umliegenden Glashütten sein, und die glühenden Pantoffeln für die neidische Königin, so setzt man die Beweiskette fort, seien wohl im oberen Hammerwerk von Lohr geschmiedet worden.

Man mag darüber lächeln, aber wegen der versiegenden Räuber-Romantik setzt Lohr nun wohl verstärkt auf die Märchen-Masche und hat sogar vor kurzem einen Schneewittchenweg eröffnet natürlich in Anwesenheit von Schneewittchen höchstpersönlich... Den Titel Märchenschloss hat aber nicht Lohr, sondern Mespelbrunn gepachtet. In einem Seitental des Flüsschens Elsava, umgeben von fast vierhundert Jahre alten Bäumen, thront das noch bewohnte Wasserschloss auf einem dunklen, spiegelglatten Fischteich. Die Fotografierenden ballen sich vor der Renaissance-Fassade und die Besucher im Innenhof. Sie ergießen sich dann während der Führung in die zur Besichtigung freigegebenen Räume, so dass nicht mehr viel von den Waffen und Rüstungen zu sehen ist, um die sich die Geschichte und Geschichten des Echter und Ingelheimer Adels ranken.

An der Wand des Speisesaals hängen Gemälde eines flämischen Meisters, der nie ein Wildschwein zu Gesicht bekommen hat und darum dem in Auftrag gegebenen Eber nach sicherlich übertriebenen Schilderungen Bärengestalt gab. Im übrigen aber beweisen die Trophäen und das Mobiliar, dass die Benutzer all der ausgestellten Spieße, Armbrüste und elfenbeinverzierten Gewehre sehr feudal von der Jagd leben konnten.

Den Grundstein zum Wasserschloss Mespelbrunn legte 1412 der Ritter Hamann Echter aus dem Odenwald; der Erzbischof von Mainz hatte dem Forstmeister dieses schmucke Fleckchen Erde Zum Espelborn für treue Pionierdienste im wilden und unerschlossenen Spessart (früher Spechteshart oder Spechtswald) geschenkt.

Eine andere Version besagt, dass der wackere Mann seinem Erzbischof während einer Jagd das Leben gerettet habe solchen Sagen, aber auch Zeugnissen historisch belegter Helden- und Schandtaten begegnet man während der Wanderungen auf Schritt und Tritt:

Auf dem 111 Kilometer langen Eselsweg zum Beispiel, den sich die mittelalterlichen Salzkarawanen von den Salinen Bad Orbs über die Höhenzüge nach Miltenberg bahnten, um den Räubern in den Niederungen zu entgehen.

Oder auf der 71 Kilometer langen Birkenheiner Straße von Hanau nach Gemünden am Main, über die fränkische und staufische Kaiser zu ihren Pfalzen ritten. Ein berühmtes Opfer war Friedrich Barbarossa, der im Jahr 1184 von Bauern aus räuberischem Hinterhalt befreit wurde. Im Dreißigjährigen Krieg zog der Schwedenkönig Gustav Adolf über diese alte Straße nach Hanau, um die Stadt zu zerstören. Zeuge dieses Ereignisses war Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: er hat es in seinem Simplicius Simplicissimus beschrieben.

Wanderparadies Spessart: Falls sich das Paradiesische der hessisch-bayerischen Naturparks durch nüchterne Zahlen beweisen lässt, dann mögen diese für sich sprechen:

3800 Kilometer wurden als Wanderwege gekennzeichnet, 400 Rundwege zum Teil auch für Behinderte und Familien mit Kinderwagen angelegt. Einen Schönheitspreis hätten der erste ein Jahr alte Fränkische Rotweinwanderweg und der Maintal-Höhenringweg verdient, die sich beide zwischen Spessart und Odenwald, Klöstern und Weinbergen, Fachwerkhäusern in den Tälern und Burgen auf den Uferhöhen hindurchschlängeln.

 

 









: 2015-06-17; : 724;


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